Das bin ich auf unserem Abiball 2004. Wir kamen gerade von unserer Abifahrt und waren alle braun gebrannt. Auf diesem Bild bin ich 19 Jahre alt. #jung

Tag 1

Über das Dreißig-werden

Ich werde also heute dreißig…halt! Nein! Ich werde 29 Jahre alt. Seit meinem 27. Geburtstag bin ich der Meinung ich wäre bereits Ende zwanzig. Meine Therapeutin versuchte mich stets zu berichtigen: „Sie sind dann Mitte zwanzig.“ Ich frage mich noch heute, ob sie in Mathe nicht aufgepasst hat – denn ab fünf rundet man auf. Logisch. Nun werde ich 29 Jahre alt und die berüchtigte Dreißig rückt immer näher. So nah, dass ich schon lange denke ich wäre schon längst dreißig.

Ich hatte nie Angst vor dem Älterwerden. Im Gegenteil, ich umarmte jedes Alter und seine Vorteile. Als ich 16 wurde, konnte ich endlich offiziell rauchen. #jung Ja, so alt bin ich. Als ich 16 war, war die Abgabe von Tabakwaren an 16-jährige noch erlaubt. Und als ich 18 wurde, konnte ich endlich offiziell in meine Lieblingsclubs zum Tanzen gehen, ohne das

„Äh, öh, ich hab meinen Ausweis vergessen, höhöm, bitte?“

Mit 20 war es meinem Vater auch schon egal, mit wem ich wie lang und an welchem Ort rumhing. Mit 23 bemerkte ich, dass ich nicht mehr 18 war. Ich hatte es bemerkt, nicht bedauert. Je älter ich wurde, desto schöner fand ich mein Leben: Ich wurde immer unabhängiger und selbstständiger, lebte mein Leben, wie ich es wollte. Ich gewöhnte mir sogar ab, meine Mutter anzurufen, um mir von ihr vorschreiben zu lassen, was ich mir leisten konnte. Ich weiß jetzt was ich mir nicht leisten kann.

Als ich auf "Hello Giggles" in etwa „hey kids of the 90ies, You’re old!“ las, begannen sich meine Gedanken zu wandeln. In dem Artikel steht, was ich langsam zu realisieren beginne: „Du bist nicht mehr der junge Hüpfer, immer dem Trend voraus. #wirklichalt? Du hast daran überhaupt kein Interesse - und das, um ehrlich zu sein, schon sehr lange nicht mehr.“ Ich kann meinem Vater nicht mehr wie früher etwas erklären, was ich selbst zum ersten Mal sehe. Ich muss sogar hier und da eine Gebrauchsanweisung lesen. Leute! Ich hatte eine Myspace-Account! Kennt das überhaupt noch jemand?

Ich denke eigentlich, dass ich einen „Draht zur Jugend“ hab. Einige meiner neueren Freunde sind Anfang 20 und wir verstehen uns super. Am Samstag war ich bei einer 21. Geburtstagsfeier. Dort kam ich mir alt vor. Alt und weise. Ich bemerkte wie ich einige „der Kleinen“ nicht ernst nahm. Jemand sagte mir, ich wäre bald eine Frau mittleren Alters. „Ja ja Jungchen. Komm du erst mal in mein Alter, mal sehen wie laut du brüllst.“, dachte ich mir. Einem Mädchen (obwohl es sich hier technisch um eine Erwachsene handelt) stand das „du bist alt!“ mir Gegenüber ins Gesicht geschrieben. Ich war ein bisschen beleidigt.

Zeit für den Reality-Check: Ich bin nicht wirklich alt, ich bemerke nur, dass ich nicht immer Verbindungen zu Jüngeren aufbauen will. Es kann erschreckend sein, nicht mehr zu den „Jungen“ zu gehören. Dafür bin ich unabhängig, erfahren und frei. Ich sehe besser aus als früher, kann mich und meine Umgebung ein- und wertschätzen. All das musste ich als Twen lernen.

Wenn man „30 werden“ googelt, ist das erste Ergebnis: „30 Gründe, warum es toll ist, 30 zu werden“ – ein Onlineartikel aus einer Frauenzeitschrift. Klingt doch super, oder nicht?